Spurensuche

Von „der schlimmsten Menschenjagd seit 1945″ wurde gestern gesprochen. Nicht etwa von libyschen Flüchtlingen, denen in Anbetracht ihrer schlimmen Lage dieser Vergleich einfiel: Es war Enoch zu Guttenberg, der Vater von Karl-Theodor […] zu Guttenberg, dem diese nur zur Hälfte durchdachten Worte bei einer Demo für seinen Sohn aus dem Mund tropften.
Woher kommt diese Ignoranz, die gerade im katholischen CSU-Millieu blüht und besonders auch auf kath.net die schönsten Knospen treibt?

Um darauf befriedigende Antworten zu finden, muss man sich zunächst einmal mit der Person des ehemaligen Verteidigungsministers auseinandersetzen. Er selbst ist, eigenen Aussagen zufolge, praktizierender Katholik; seine Frau Stephanie (wegen ihrer fragwürdigen Jagd auf Pädophile auch „Pornosteffi“ genannt) schreibt Bücher gegen eine vermeintlich „übersexualisierte“ Gesellschaft. Die heißen dann etwa „Schaut nicht weg! – Was wir gegen Missbrauch tun müssen“ und werden von der Adligen öffentlichkeitswirksam mit großzügigem Dekolleté auf Seite 1 der BILDzeitung („Europas führendes Organ für Untenrum“, Gerhard Henschel) präsentiert.
Dass kath.net derartige Spitzfindigkeiten übersieht, ist nicht weiter verwunderlich, ist doch selbst der Papst mit BILDchef Kai Diekmann aufs Engste verbunden – der Vatikan-Korrespondent der BILD, Andreas Englisch, ist gar mit dem „offiziellen Profil“ kath.nets bei Facebook befreundet.

Das ist zugegebenermaßen eine recht oberflächliche Verflechtung – sie erklärt zwar, wieso kath.net in den ersten Tagen reflexartig ihren Gutti in Schutz nahm. Wieso dann aber wochenlang immer weitere Kommentare folgten und man neben der BILD zum beinahe einzigen Medium wurde, das alle Kritik ohne schlechtes Gewissen abbügelte, ist zunächst nicht ersichtlich. Und dass sich kath.net wie die Horden der Boulevardfans einfach von Guttenbergs Weglächeln aller Probleme blenden ließ, scheint auch eher unwahrscheinlich.
Wieso also hält man die bedingungslose Treue für einen Betrüger, Lügner, Hochstapler?
Auf diese Frage gibt es, wie ich glaube, mindestens zwei okaye Antworten. Die erste ist etwas weniger überzeugend:

1.) Man glaubt wirklich, Guttenberg hätte einen Fehler gemacht, sich dafür aber aufrichtig entschuldigt und damit sollte die Sache erledigt sein.
Diesen Eindruck erwecken zumindest einzelne Stimmen auf kath.net, in einem Kommentar der Tagespost vom 4.3. heißt es etwa:

Guttenberg hat sich entschuldigt. Das hat jenen nicht gereicht, die seinen Kopf rollen sehen wollten. Allen voran die Opposition. Dabei trifft zu, was Angela Merkel zur Auseinandersetzung um zu Guttenberg gesagt hat: „So viel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“. Die „Causa Guttenberg“ zeigt: Da ist etwas aus den Fugen geraten.
[…]
Was geht und was nicht, entscheidet der politische Nutzen. Ihre Tugendphrasen sind hohl, ihr ideologischer Eifer blind. Die Häme und Maßlosigkeit, mit der im linken Lager auch nach seinem Rücktritt über Guttenberg hergezogen wird, macht klar: Es ging längst nicht mehr nur um Plagiate, Promotion, Anstand und Moral, sondern um politische Vernichtung ohne Wiederkehr.

Diese Antwort 1.) ist deshalb unbefriedigend, weil sie den rechtskatholischen Unterstützern Dummheit unterstellt, was, wie ich doch denke, zu kurz greift. Auch die Autoren von kath.net und der Tagespost werden mitbekommen haben, dass Guttenbergs „Entschuldigung[en]“ alles waren, außer aufrichtig. Er gab immer nur so viel zu, wie gerade bekannt war. Ehe das volle Ausmaß der Plagiatfälle bekannt war, log er in die Kameras, sprach von einigen Fehlern und wollte den Doktortitel vorübergehend, er betonte: vorübergehend, auf Eis legen. Drei Tage später stand fest, wie schlecht zusammengeschustert seine Doktorarbeit war – was Guttenberg dazu veranlasste seinen Titel abzugeben und von einer „lächerlichen“ Arbeit zu sprechen. „Lächerlich“ war die Arbeit natürlich nicht, sie stammte zu großen Teilen ja von renommierten Journalisten und Wissenschaftlern. Und selbst als Guttenberg vor die Presse trat, um seinen Rückzug bekannt zu geben, war von Reue keine Spur: Er verurteilte die Medien und wies darauf hin, dass der Tod der Soldaten doch viel wichtiger gewesen wäre. Auch im Abgang zeigte der Baron keine Würde.
Dass kath.net diese offensichtliche Diskrepanz von Wort (Predigt von Verantwortung und Moral) und Tat nicht auffiel, darf man Roland Noé zuliebe wohl ausschließen. Was uns zur zweiten Möglichkeit bringt, wieso kath.net dennoch Stimmung für den Freiherrn machte:

2.) Der Antiintellektualismus und der Skeptizismus der Wissenschaft gegenüber
Diese Begründung halte ich für schlüssiger; frei nach Franz Josef Wagner, dem verheerenden Kolumnisten der BILD, wird „Scheiß auf den Doktor“ gebrüllt und damit die Debatte für alle Bildungsfernen vereinfacht dargestellt: >Ja, Guttenberg hat Fehler gemacht, aber bitteschön, so schlimm wars ja nun auch nicht, die Wissenschaft hat doch auch nichts mit der Politik zu tun.>
Das mag sich auch Angela Merkel gedacht haben, als sie davon sprach, Guttenberg als Verteidigungsminister und nicht als wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt zu haben. Diese Haltung mag beim „einfachen Volk“, das nicht zuletzt Klientel der Kirche ist, aus diversen Gründen (die ich als Nicht-Psychologe weder erörtern kann noch sollte) gut ankommen, redlich ist sie aber nicht, weil man trotz besseren Wissens populistischen Quatsch von sich gibt.

Diese Verachtung der Wissenschaft wurzelt tief im fundamentalistischen Katholizismus, den kath.net propagiert: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird etwa die Evolution – mal mehr, mal weniger offen – angezweifelt oder komplett geleugnet. Im Oktober 2010 fand ein lustiger Artikel namens „Stammen Sie ruhig vom Affen ab!“ den Weg auf kath.net. Darin wird nicht nur die wissenschaftliche Sichtweise falsch dargestellt ((die heutigen) Affen werden als direkte Vorfahren der Menschen beschrieben), man versucht auch, den völlig unseriösen Kreationismus auf das gleiche Niveau der Wissenschaft zu zerren:

Die naturwissenschaftlichen Diskussionen über die Entstehung des Menschen werden nicht nur auf der Basis der Evolutionstheorie geführt. Es gibt auch die Forschungsrichtung des Kreationismus, die in den USA ihren Ursprung und auch Anhänger in Deutschland und in der Schweiz hat. Sie zeigt mit den üblichen naturwissenschaftlichen Methoden Lücken und Defizite in der Evolutionstheorie auf. Bibel und Biologie werden näher aneinandergerückt. Es ist wichtig, die Evolutionslehre kritisch zu überprüfen und nicht alles als selbstverständlich stimmig anzusehen.

Das ist nicht nur Unsinn, der Autor versucht im Gegenteil auf perfide Weise, die im wahrsten Sinne leichtgläubigen Leser per Lüge auf seine Seite zu ziehen. Genüsslich wird hervorgehoben, dass die Evolution nur eine Theorie sei – ohne darauf hinzuweisen, dass dieser Begriff der Wissenschaft nichts mit der umgangssprachlichen Definition zu tun hat. Das wäre vermutlich einerseits zu viel Arbeit, andererseits diente es der Absicht der Desinformation nicht.

Einen ganz ähnlichen Fall gab es zu Beginn dieses Jahres, als der Klimawandel als Lüge enttarnt werden sollte. Die Argumentation war so schlicht, dass jeder Schüler sie widerlegen könnte: Der Autor versuchte, aktuelle Erlebnisse zu instrumentalisieren und ohne jede wissenschaftliche Grundlage an seine Leser zu appellieren: >Schneechaos! Im Winter! Das kann also gar keinen Klimwandel geben, sonst hätten wir keinen Schnee, sondern nur Hitze!< Auch bei diesem Thema wurde jede wissenschaftliche Erkenntnis großzügig ignoriert und behauptet, "die da oben" hätten alle unrecht. Wieso?
Weil sich Wissenschaft und Fundamentalismus nicht vertragen. Die Wissenschaft bringt immer neue Erkenntnisse, die es unmöglich machen, die Bibel wörtlich zu nehmen und mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Das zeigen nicht nur die Beispiele Evolution und Erderwärmung, sondern bspw. auch die wissenschaftlich natürlich völlig unhaltbare (biblische) Homophobie, die kath.net verbreitet. Es kommt nicht auf die Wahrheit an, solange sich die (bewusste oder unbewusste) Lüge für die eigene Markte verkaufen lässt. Thilo Sarrazins Thesen sind widerlegt - was kümmert es die Rechten, solange man mit den teilweise erfundenen Zahlen Angst und Fremdenhass schüren kann?

Auch innerkirchlich lässt sich diese Tendenz bei kath.net beobachten, Theologen sind für Noé und Co. mitunter das Übel schlechthin: Das sog. Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch", das von diversen liberalen Theologen unterzeichnet wurde, traf bei kath.net auf ein desaströses Feedback. Gabriele Kuby schrieb* im Februar, "Die Kräfte von unten haben nie geschwiegen, sondern brüllen in den Medien und treiben seit Jahrzehnten Generationen von Theologiestudenten und Priesteranwärtern und Religionspädagogen den Glauben aus."

Und vor einigen Tagen fasste eine Überschrift die Sympathie mit der Wissenschaft zusammen: "Theologieprofessoren sind völlig irrelevant".

Vielleicht hat sich Roland Noé ja die von ihm bewunderte amerikanische Tea Party zum Vorbild gemacht: Dort firmiert ein Gemisch aus Halbwahrheiten, glatten Lügen, Rassismus und purer Dummheit als große Hoffnung für Amerika. Ähnlichkeiten zwischen den beiden gnadenlosen Populisten Sarah Palin und Karl-Theodor [...] zu Guttenberg jedenfalls existieren - wobei dem bayrischen Baron vermutlich immerhin nicht einfallen würde zu berichten, er könnte Russland von seiner Burg aus sehen.

*: Der Link funktioniert im Artikel nicht, also manuell: Gabriele Kuby bei kath.net


3 Antworten auf „Spurensuche“


  1. 1 Barkai 07. März 2011 um 20:40 Uhr

    Episodenfisch, soweit ich weiß, ist KT derzeit „nur“ Freiherr, sein Vater Enoch lebt noch und wird daher der Baron sein.

  2. 2 Administrator 09. März 2011 um 0:34 Uhr

    Wikipedia sagt, dass Baron und Freiherr mehr oder weniger dasselbe sind, außerdem hat sich der Begriff „Lügenbaron“ für Gutti doch durchgesetzt ;)

  3. 3 Barkai 11. März 2011 um 17:34 Uhr

    in einer republik ist der titel in der Tat zweitrangig. Aber soweit ich weiß, ist immer nur der älteste, als hier der Vater der Baron (bei einer Frau handelt es sich um eine Baronin, älter auch eine Baronesse). Nur wenn der Baron stirbt, wird sein ältester Sogn, der bis dahin Freiherr war, oder seine älteste Tochter, die bis dahin Freifrau oder Freiin war, zum Baronin, zur Baronin. Stirbt ein Baron kinderlos, wird der nächtse Bruder oder die Schwester Baron oder Baronin.
    Deswegen ist Annette von Drsote-Hülshof, die ihre Gedichte wie auch Erzählungen im übrigen selbst verfasst hat, ihr Leben lang die Freiin gewesen.

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