Archiv für März 2011

Die lieben Zahlen v

Wenn sich Fundamentalisten an Wissenschaft versuchen, endet es regelmäßig im völligen Desaster: Kreationisten machen sich komplett lächerlich, „Klimaskeptiker“ schauen reichlich ignorant aus der Wäsche. Und auch bei Mathematik sieht es nicht unbedingt besser aus. Ob es nun mutwillige Täuschung oder Inkompetenz war – was kath.net heute vom evangelikalen Nachrichtendienst idea zitiert, ist jedenfalls nicht so ganz korrekt. Man schreibt:

Protestanten und Katholiken verhindern Einzug der NPD in Landtag

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 20. März waren es die Christen, die den Einzug der NPD in den Landtag in Magdeburg verhindert haben. Das geht aus einer Untersuchung der Wahlforscher von infratest/dimap (Berlin) hervor. Während unter den Konfessionslosen und Angehörigen anderer Religionen 6 Prozent ihre Stimme der NPD gaben, waren es unter Katholiken 4 Prozent und unter Protestanten 2 Prozent. Insgesamt erzielte die rechtsradikale Partei 4,6 Prozent der Stimmen und scheiterte damit an der Fünf-Prozent-Hürde.

4% der katholischen Wähler also votierten für die NPD, 2% der protestantischen. Daraus lässt sich zwar einiges ablesen, aber ziemlich definitiv nicht, dass Christen den Einzug der NPD in den Landtag verhindert hätten.
Schauen wir zunächst einmal auf den Gesamtanteil von Christen an der Bevölkerung: 17,9% der Einwohner Sachsen-Anhalts gehören überhaupt nur einer der beiden großen Kirchen an – also nicht einmal jeder Fünfte, etwas mehr als 400.000 Menschen von knapp 2.3 Millionen. Da allerdings nur gut die Hälfte aller Wahlberechtigten (1.017.244 Menschen) zur Wahl gingen, könnte die offenbare christliche Verweigerung gegenüber den Nazis den Einzug der NPD verhindert haben. Konjunktiv, weil eben vermutlich weder alle 400.000 Christen überhaupt wahlberechtigt waren, noch zur Wahl gingen.

Im Übrigen ist der mitschwingende Unterton zweifelhaft: ‚Schaut her, wir Christen sind nicht böse und wählen keine Nazis.‘ Das blendet nicht nur den Extremismus der Mitte im Speziellen, sondern auch die riesige Unterstützung von rechten Demagogen wie Sarrazin im Allgemeinen von christlicher Seite aus. Ob der Unterschied von 4% (Katholiken) und 6% (Andere, wobei das rechnerisch nicht so ganz hinhaut) signifikant genug ist, um die Jubelschreie zu rechtfertigen, scheint ebenfalls fraglich.

Wie auch immer: Der Artikel hat auch abgesehen von der falschen Behauptung, Christen hätten die NPD im Schach gehalten, nicht ganz Recht:

Erster ostdeutscher Katholik als Regierungschef?

Politisch betrachtet wird es in Sachsen-Anhalt wohl bei einer Koalition aus CDU und SPD bleiben. Mit Reiner Haseloff (CDU) könnte der erste ostdeutsche Katholik an der Spitze der Landesregierung stehen – vorausgesetzt, die SPD stimmt zu. Haseloff würde auf den Protestanten Wolfgang Böhmer (75) folgen, der nach 9 Jahren nicht noch einmal zur Wahl antrat.

Stanislaw Tillich, seit 2008 sächsischer Ministerpräsident, ist ebenfalls Katholik und somit der „erste ostdeutsche Katholik als Regierungschef“.
Abgesehen von derart Kleinlichem leistet sich der Artikel auch noch einen kleinen sprachlichen Ausfall, der die politische Stoßrichtung vorlegt:

Die Linkspartei konnte bei Christen Stimmen gewinnen. 12 Prozent der Katholiken (+2 Prozent) und 14 Prozent der Evangelischen (+1 Prozent) wählten die SED-Nachfolgepartei.

Und 52% der Katholiken wählten die NSDAP-Nachfolgepartei CDU.

Ankündigung i

Hallo,
da ich momentan im absoluten Unistress mit 2 Hausarbeiten bin und nur noch jeweils 2 bzw. 17 Tage Zeit habe, wird es hier für diesen Zeitraum vermutlich nicht besonders viel Neues geben.
Falls es irgendetwas Grobes bei kath.net geben sollte: Feel free to comment hier oder: Email an episodenfisch@googlemail.com, ich werde das dann je nach Zeit gerne aufgreifen oder nachträglich kommentieren.

Bis in ca. 2einhalb Wochen!

Empörung gone wrong

Es dürfte ja mittlerweile allgemein bekannt sein, dass Fundamentalisten keine Ironie verstehen: Wer seinen Glauben bitterernst nimmt, dem fällt es schwer, Witze zu bemerken und entsprechend zu bewerten. Das zeigt auf ziemlich erschütternde Weise ein Artikel bei kath.net über Sigmar Gabriel. Dort wird eine Stellungnahme Hubert Ginderts veröffentlicht – Gindert ist Chef des Forums deutscher Katholiken und bevorzugt offenbar auch ein ernstes Miteinander:

„Primitive Feindseligkeit gegen die katholische Kirche“ hielt am Sonntag der Vorsitzende des „Forums Deutscher Katholiken“, Professor Hubert Gindert, dem Chef der SPD, Sigmar Gabriel, vor. Gabriel hatte nach Pressemeldungen bei einem Empfang der Aleviten in Berlin die Angehörigen dieser türkischen an den Koran glaubenden Religionsgemeinschaft als „besser integriert“ bezeichnet als die katholischen Christen.
[…]
Die Meldung, Gabriel habe Applaus von der „grünen“ Claudia Roth geerntet, sei nicht weiter überraschend. Man kenne die Abneigung von „Grünen“ gegen die katholische Kirche. „Dass aber Bundestagspräsident Norbert Lammert, wie in der Welt vom 4.3. zu lesen ist, dazu nur zu schmunzeln wusste, wirft ein bezeichnendes Licht auf diesen sich „katholisch“ nennenden Politiker.

Worauf genau stützt Gindert seinen Rundumschlag gegen Gabriel? Auf einen einzigen Artikel der WELT über die „Integrationsvorbilder“ Aleviten. In diesem Text gibt es einen schmalen Absatz, aus dem recht gut ersichtlich wird, dass der SPD-Vorsitzende scherzt:

Aus dem Innenministerium hört man, die Aleviten seien die Einzigen, mit denen die Zusammenarbeit reibungslos klappe. „Tun Sie mir einen Gefallen: Bleiben Sie hier und holen Sie noch ein paar von Ihren Leuten nach“, flapste SPD-Chef Sigmar Gabriel jüngst auf dem alevitischen Neujahrsempfang. „Sie sind ja inzwischen besser integriert als die katholische Kirche!“ Dafür erntete er Applaus von Grünen-Chefin Claudia Roth und ein Schmunzeln von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). In der Kritik am orthodoxen Islam reichen sich konservative Parteien und die Alevitische Gemeinde die Hände.

„flapste“, kath.net, bedeutet nicht: „sagte mit ernster Miene“, sondern etwa: „witzelte“. Man könnte auch vom rhetorischen Schachzug des Captatio benevolentiae sprechen – Gabriel versuchte mit diesem kruden, aber heiteren Vergleich, die Gunst des Publikums zu gewinnen.
Ist es übrigens ein Zufall, dass Gindert Sigmar Gabriel bei kath.net ausgerechnet jetzt derart vorhersehbar diskreditieren möchte? Mutmaßlich nicht, denn es war neben Trittin vor allem Gabriel, der in den letzten Wochen die Wut der Guttenberg-Fans abbekam. Dass man sich auf eine derartige Lappalie stürzt, offenbart wohl auch die momentane Verzweiflung im rechten Lager – was nicht zuletzt der Kommentarbereich zeigt.
„Stephanius“ etwa hat einen guten Einfall:

Treten Sie zurück, Herr Gabriel
ohne weiteren Kommentar

Auch bei „Christiana-Marianne“ scheint Ginderts seltsame Argumentation gefruchtet zu haben:

Kann man Herrn Gabriel für die Beleidigung des Katholikentums …
an den Hammelbeinen packen? Ach nee. Nur Muslime dürfen berufs-und hobbymäßig gekränkt sein. Denn sie repräsentieren eine menschliche Ethnie. Katholiken sind nur Schäfchen und fallen nach rot-grüner Vorstellung höchstens unters Tierschutzgesetz.

„Noemi“ stimmt zu:

Herr Gabriel
ist ein nicht allzu intelligenter Populist reinsten Wassers und gnadenloser Opportunist, der hofft, in den Katholikenhassergewässern im Trüben nach Wählerstimmen fischen zu können . Daß der Herr Lammerts inzwischen gar nicht mehr versucht, sich das Deckmäntelchen eines glaubenstreuen Katholiken umzuhängen und ganz offen die Deutsche Nationalkirche favorisiert, ist vielleicht sogar gut- man sieht klar.

„spesalvi23″ geht ein bisschen erregter an die Sache:

Integration
Jetzt spinnet der völlig!!
Was soll der Schwachsinn!!??
Scheinbar ist er nach der erfolgreichen Treibjagd nach KTzG noch Endorphinüberschüssig und denkt er wäre nun nur noch mit Kryptonite zu besiegen; ist mit Superhelden Cape unterwegs und nennt sich nun Gabe-Man, oder Fat-Man… keine Ahnung.
Wo bleibt der Sturm der Entrüstung der DBK!??

„Apoka“ bastelt aus Gabriels Scherz einen weiteren Fall von Christenverfolgung:

Triste Gestalten
Gabriel, Lammert, Roth. Mittlerweile schmilzt der Unterschied zwischen ihnen. Übereinstimmung herrscht allerdings in der Haltung gegenüber den Katholiken.
Erst wurden sie belächelt
dann für vogelfrei erklärt.
Gehasst und verfolgt werden sie mittleerweile auch schon. Herr helfe uns !

„Waldi“ macht Gabriel, der eher dem rechten Flügel der SPD angehört, gar zum Sozialisten:

Ein weiterer Grund,
niemals auf die Idee zu kommen, als Katholik die SPD zu wählen. Angesichts des weltweiten Terrorismus der vom Islam ausgeht, auch wenn ich die meisten Muslime als friedlich betrachten darf, (hoffentlich), ist diese Äußerung von Sigmar Gabriel, sie seien besser integriert als die Katholiken, eine unverzeihliche Beleidigung aller Katholiken. In Gabriels Geist weht wieder der rote Sturmbanner des gottlosen Sozialismus, der in der katholischen Kirche den größten Klassenfeind zu erkennen glaubt. Wann werden wir endlich begreifen, dass solche Politiker indirekt der Christenverfolgung, sowohl im eigenen Land, aber auch weltweit, Hilfestellung leisten.

Und „st.michael“ hat so eine Vermutung:

Warum mußte zu Guttenberg gehen ?
Weil er genau in dieses Umfeld von Primitivität, Gier und Dummheit nicht passt.
Die CDU hat sich schon fast abqualifiziert als Partei für Katholiken, Grüne und SPD sind so furchtbar viel schlimmer, man kann es kaum sagen.
Aber bei aller Kritik an den Parteien, bitte nicht vergessen, sie repräsentieren in nicht unerheblichem Maße den Willen der Wähler und die sind aus vielerlei Gründen Anti – Kirchlich eingestellt.
Wobei der menschenverachtende Islam komischerweise nicht so schlecht wegkommt.
Aber der Islam ist ja auch von Menschen geschaffen und damit von dieser Welt.
Das Christentum hat Gottes Sohn als Stifter und ist damit nicht von dieser Welt.
Daher haßt die Welt das Christentum seit 2000 Jahren bis zum jünsten Tage, genau wie Christus es uns geoffenbart hat.

Spurensuche

Von „der schlimmsten Menschenjagd seit 1945″ wurde gestern gesprochen. Nicht etwa von libyschen Flüchtlingen, denen in Anbetracht ihrer schlimmen Lage dieser Vergleich einfiel: Es war Enoch zu Guttenberg, der Vater von Karl-Theodor […] zu Guttenberg, dem diese nur zur Hälfte durchdachten Worte bei einer Demo für seinen Sohn aus dem Mund tropften.
Woher kommt diese Ignoranz, die gerade im katholischen CSU-Millieu blüht und besonders auch auf kath.net die schönsten Knospen treibt?

Um darauf befriedigende Antworten zu finden, muss man sich zunächst einmal mit der Person des ehemaligen Verteidigungsministers auseinandersetzen. Er selbst ist, eigenen Aussagen zufolge, praktizierender Katholik; seine Frau Stephanie (wegen ihrer fragwürdigen Jagd auf Pädophile auch „Pornosteffi“ genannt) schreibt Bücher gegen eine vermeintlich „übersexualisierte“ Gesellschaft. Die heißen dann etwa „Schaut nicht weg! – Was wir gegen Missbrauch tun müssen“ und werden von der Adligen öffentlichkeitswirksam mit großzügigem Dekolleté auf Seite 1 der BILDzeitung („Europas führendes Organ für Untenrum“, Gerhard Henschel) präsentiert.
Dass kath.net derartige Spitzfindigkeiten übersieht, ist nicht weiter verwunderlich, ist doch selbst der Papst mit BILDchef Kai Diekmann aufs Engste verbunden – der Vatikan-Korrespondent der BILD, Andreas Englisch, ist gar mit dem „offiziellen Profil“ kath.nets bei Facebook befreundet.

Das ist zugegebenermaßen eine recht oberflächliche Verflechtung – sie erklärt zwar, wieso kath.net in den ersten Tagen reflexartig ihren Gutti in Schutz nahm. Wieso dann aber wochenlang immer weitere Kommentare folgten und man neben der BILD zum beinahe einzigen Medium wurde, das alle Kritik ohne schlechtes Gewissen abbügelte, ist zunächst nicht ersichtlich. Und dass sich kath.net wie die Horden der Boulevardfans einfach von Guttenbergs Weglächeln aller Probleme blenden ließ, scheint auch eher unwahrscheinlich.
Wieso also hält man die bedingungslose Treue für einen Betrüger, Lügner, Hochstapler?
Auf diese Frage gibt es, wie ich glaube, mindestens zwei okaye Antworten. Die erste ist etwas weniger überzeugend:

1.) Man glaubt wirklich, Guttenberg hätte einen Fehler gemacht, sich dafür aber aufrichtig entschuldigt und damit sollte die Sache erledigt sein.
Diesen Eindruck erwecken zumindest einzelne Stimmen auf kath.net, in einem Kommentar der Tagespost vom 4.3. heißt es etwa:

Guttenberg hat sich entschuldigt. Das hat jenen nicht gereicht, die seinen Kopf rollen sehen wollten. Allen voran die Opposition. Dabei trifft zu, was Angela Merkel zur Auseinandersetzung um zu Guttenberg gesagt hat: „So viel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland“. Die „Causa Guttenberg“ zeigt: Da ist etwas aus den Fugen geraten.
[…]
Was geht und was nicht, entscheidet der politische Nutzen. Ihre Tugendphrasen sind hohl, ihr ideologischer Eifer blind. Die Häme und Maßlosigkeit, mit der im linken Lager auch nach seinem Rücktritt über Guttenberg hergezogen wird, macht klar: Es ging längst nicht mehr nur um Plagiate, Promotion, Anstand und Moral, sondern um politische Vernichtung ohne Wiederkehr.

Diese Antwort 1.) ist deshalb unbefriedigend, weil sie den rechtskatholischen Unterstützern Dummheit unterstellt, was, wie ich doch denke, zu kurz greift. Auch die Autoren von kath.net und der Tagespost werden mitbekommen haben, dass Guttenbergs „Entschuldigung[en]“ alles waren, außer aufrichtig. Er gab immer nur so viel zu, wie gerade bekannt war. Ehe das volle Ausmaß der Plagiatfälle bekannt war, log er in die Kameras, sprach von einigen Fehlern und wollte den Doktortitel vorübergehend, er betonte: vorübergehend, auf Eis legen. Drei Tage später stand fest, wie schlecht zusammengeschustert seine Doktorarbeit war – was Guttenberg dazu veranlasste seinen Titel abzugeben und von einer „lächerlichen“ Arbeit zu sprechen. „Lächerlich“ war die Arbeit natürlich nicht, sie stammte zu großen Teilen ja von renommierten Journalisten und Wissenschaftlern. Und selbst als Guttenberg vor die Presse trat, um seinen Rückzug bekannt zu geben, war von Reue keine Spur: Er verurteilte die Medien und wies darauf hin, dass der Tod der Soldaten doch viel wichtiger gewesen wäre. Auch im Abgang zeigte der Baron keine Würde.
Dass kath.net diese offensichtliche Diskrepanz von Wort (Predigt von Verantwortung und Moral) und Tat nicht auffiel, darf man Roland Noé zuliebe wohl ausschließen. Was uns zur zweiten Möglichkeit bringt, wieso kath.net dennoch Stimmung für den Freiherrn machte:

2.) Der Antiintellektualismus und der Skeptizismus der Wissenschaft gegenüber
Diese Begründung halte ich für schlüssiger; frei nach Franz Josef Wagner, dem verheerenden Kolumnisten der BILD, wird „Scheiß auf den Doktor“ gebrüllt und damit die Debatte für alle Bildungsfernen vereinfacht dargestellt: >Ja, Guttenberg hat Fehler gemacht, aber bitteschön, so schlimm wars ja nun auch nicht, die Wissenschaft hat doch auch nichts mit der Politik zu tun.>
Das mag sich auch Angela Merkel gedacht haben, als sie davon sprach, Guttenberg als Verteidigungsminister und nicht als wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt zu haben. Diese Haltung mag beim „einfachen Volk“, das nicht zuletzt Klientel der Kirche ist, aus diversen Gründen (die ich als Nicht-Psychologe weder erörtern kann noch sollte) gut ankommen, redlich ist sie aber nicht, weil man trotz besseren Wissens populistischen Quatsch von sich gibt.

Diese Verachtung der Wissenschaft wurzelt tief im fundamentalistischen Katholizismus, den kath.net propagiert: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird etwa die Evolution – mal mehr, mal weniger offen – angezweifelt oder komplett geleugnet. Im Oktober 2010 fand ein lustiger Artikel namens „Stammen Sie ruhig vom Affen ab!“ den Weg auf kath.net. Darin wird nicht nur die wissenschaftliche Sichtweise falsch dargestellt ((die heutigen) Affen werden als direkte Vorfahren der Menschen beschrieben), man versucht auch, den völlig unseriösen Kreationismus auf das gleiche Niveau der Wissenschaft zu zerren:

Die naturwissenschaftlichen Diskussionen über die Entstehung des Menschen werden nicht nur auf der Basis der Evolutionstheorie geführt. Es gibt auch die Forschungsrichtung des Kreationismus, die in den USA ihren Ursprung und auch Anhänger in Deutschland und in der Schweiz hat. Sie zeigt mit den üblichen naturwissenschaftlichen Methoden Lücken und Defizite in der Evolutionstheorie auf. Bibel und Biologie werden näher aneinandergerückt. Es ist wichtig, die Evolutionslehre kritisch zu überprüfen und nicht alles als selbstverständlich stimmig anzusehen.

Das ist nicht nur Unsinn, der Autor versucht im Gegenteil auf perfide Weise, die im wahrsten Sinne leichtgläubigen Leser per Lüge auf seine Seite zu ziehen. Genüsslich wird hervorgehoben, dass die Evolution nur eine Theorie sei – ohne darauf hinzuweisen, dass dieser Begriff der Wissenschaft nichts mit der umgangssprachlichen Definition zu tun hat. Das wäre vermutlich einerseits zu viel Arbeit, andererseits diente es der Absicht der Desinformation nicht.

Einen ganz ähnlichen Fall gab es zu Beginn dieses Jahres, als der Klimawandel als Lüge enttarnt werden sollte. Die Argumentation war so schlicht, dass jeder Schüler sie widerlegen könnte: Der Autor versuchte, aktuelle Erlebnisse zu instrumentalisieren und ohne jede wissenschaftliche Grundlage an seine Leser zu appellieren: >Schneechaos! Im Winter! Das kann also gar keinen Klimwandel geben, sonst hätten wir keinen Schnee, sondern nur Hitze!< Auch bei diesem Thema wurde jede wissenschaftliche Erkenntnis großzügig ignoriert und behauptet, "die da oben" hätten alle unrecht. Wieso?
Weil sich Wissenschaft und Fundamentalismus nicht vertragen. Die Wissenschaft bringt immer neue Erkenntnisse, die es unmöglich machen, die Bibel wörtlich zu nehmen und mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Das zeigen nicht nur die Beispiele Evolution und Erderwärmung, sondern bspw. auch die wissenschaftlich natürlich völlig unhaltbare (biblische) Homophobie, die kath.net verbreitet. Es kommt nicht auf die Wahrheit an, solange sich die (bewusste oder unbewusste) Lüge für die eigene Markte verkaufen lässt. Thilo Sarrazins Thesen sind widerlegt - was kümmert es die Rechten, solange man mit den teilweise erfundenen Zahlen Angst und Fremdenhass schüren kann?

Auch innerkirchlich lässt sich diese Tendenz bei kath.net beobachten, Theologen sind für Noé und Co. mitunter das Übel schlechthin: Das sog. Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch", das von diversen liberalen Theologen unterzeichnet wurde, traf bei kath.net auf ein desaströses Feedback. Gabriele Kuby schrieb* im Februar, "Die Kräfte von unten haben nie geschwiegen, sondern brüllen in den Medien und treiben seit Jahrzehnten Generationen von Theologiestudenten und Priesteranwärtern und Religionspädagogen den Glauben aus."

Und vor einigen Tagen fasste eine Überschrift die Sympathie mit der Wissenschaft zusammen: "Theologieprofessoren sind völlig irrelevant".

Vielleicht hat sich Roland Noé ja die von ihm bewunderte amerikanische Tea Party zum Vorbild gemacht: Dort firmiert ein Gemisch aus Halbwahrheiten, glatten Lügen, Rassismus und purer Dummheit als große Hoffnung für Amerika. Ähnlichkeiten zwischen den beiden gnadenlosen Populisten Sarah Palin und Karl-Theodor [...] zu Guttenberg jedenfalls existieren - wobei dem bayrischen Baron vermutlich immerhin nicht einfallen würde zu berichten, er könnte Russland von seiner Burg aus sehen.

*: Der Link funktioniert im Artikel nicht, also manuell: Gabriele Kuby bei kath.net