Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun

Es ist vorbei. 70 Minuten Trash-Talk von und mit Markus Lanz, Katharina Saalfrank, Desiree Nick, Andreas Laun und Ulli Schauen. 70 Minuten, in denen Andreas Laun seine Thesen zur Loveparade hätte verteidigen und berichtigen können, in denen Schauen als Atheist in der Runde seriös und unaufgeregt hätte argumentieren können. Aber es kam anders.

Die erste halbe Stunde füllte nämlich, bis auf die Anfangsplädoyers, „Super-Nanny“ Saalfrank. Wüsste man nicht besser, dass Markus Lanz sich auf Qualitätsjournalismus versteht, könnte man das muntere Plaudern über Saalfranks Job und die Bilder aus der neuen Staffel der Super-Nanny durchaus als Werbung und reine PR-Maßnahme bezeichnen. „Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun!“, empört sich Lanz pflichtgemäß nach einschlägigen Bildern einer vermeintlich kaputten Familie mit vermeintlich schrecklichen Kindern.
Katharina Saalfrank spricht allen Ernstes von einem „Verschwinden des Mitleids“, das sie zu erkennen glaubt – obwohl gerade ihre Reality-Dokus das Leid von Menschen plakativst und in Großaufnahme für alle Zeiten festhalten.Darauf angesprochen meint sie bloß: „Kritik habe ich lange nicht mehr gehört.“
Desiree Nick schaltet sich nun in die Diskussion ein. Wieso denn gerade Saalfrank über Mitleid schwadronieren würde, während ihre Kameras ebenjenes vermissen ließen? Kurz wirkt die Super-Nanny angeknockt, windet sich und weiß sichtlich nicht mehr weiter.
Markus Lanz tut nun genau das, was man von einem Journalisten erwartet: Er lenkt Nick ab, möchte gern zum nächsten Thema.

Weihbischof Andreas Laun ist zu diesem Zeitpunkt seit etwa 15 Minuten nicht mehr zu Wort gekommen – er sagte zu Beginn bloß, er wisse nicht, ob er wie Steinmeier sich trauen würde, eine Niere zu spenden und erhielt dafür Applaus. Nun rutscht er unruhig auf seinem Platz herum. Nick macht einen für katholische Verhältnisse anzüglichen Witz („Ich weiß immer, wo mein Feigenblatt zu sitzen hat“). Laun lächelt. Ob er sich wohl von Nicks kurzem Rock ablenken lässt?

Weiter geht es, nach Dialogen aus dem Bilderbuch (Lanz: „Du bist sehr früh schwanger geworden.“ – Saalfrank: „Wie bitte? Davon wusste ich nichts!“) kommt nun Desiree Nick ausführlicher zu Wort. Sie tanzte früher arg unbekleidet, glaubt (dennoch) an Gott. Wieso? Weil er ihr schließlich ihre „Möpse“ geschenkt habe, und sie damit anstellen könne, was sie wolle. Noch ist nicht ersichtlich, dass Desiree Nick den Abend retten wird.
Markus Lanz findet das Thema aber so spannend, dass er es als Überleitung zu Launs Sicht auf Sexualität nutzt: Der lässt sich dann auch nicht lange beirren und meint, dass Sexualität durch den Sündenfall auch „böse“ Formen angenommen habe. Er will offenbar einige Formen aufzählen, kommt aber nur bis zur Vergewaltigung. Lanz unterbricht ihn.
Nick springt dazwischen: Sexualität sei nun wahrlich kein Thema, bei dem man sich in der katholischen Kirche Rat holen würde, wegen Zölibat und so. Beifall aus dem Publikum.
Laun entgegnet, das sei so einfach nicht zu sagen, zaghaft berichtet er, dass er sich mit 17 verliebt habe.

Lanz kommt danach zu Launs Ansichten zur Loveparade. Laun sagt, die Medien hätten alles verzerrt dargestellt, ihm stünde kein Urteil zu. So richtig erläutern allerdings, wie er das alles wirklich meinte, kann er nicht: Lanz unterbricht weiterhin. Was auch den Weihbischof aufregt: „Ich bleibe sie [die Antwort] nicht schuldig, sie unterbrechen mich ja dauernd!“
Darauf angesprochen, was an der Loveparade Sünde sei, bleibt Laun vage. Es deutet sich aber an, dass er sich nicht gründlich informierte und die Loveparade mit dem Christopher Street Day (CSD) verwechselte, das habe „man mir so gesagt“, da „habe ich mich geirrt“. Recherche at its best also.
Im Folgenden spricht er noch von einem „Richter-Gott, keinem Alzheimer-Gott“. Der tiefere Sinn dieser Wendungen bleibt aber verborgen, weil Lanz: unterbricht.
Und ihn noch einmal fragt, wieso der CSD Sünde sei. Laun entgegnet zusehends gereizter, dass gelebte Homosexualität nun mal nach katholischer Lehre Sünde sei. Allerdings „wollen [wir] nicht über dieses Thema reden, dafür haben wir uns nicht verabredet.“

Endlich kommt nun Ulli Schauen zu Wort. Dieser hält offenbar nicht viel von Religion und Kirche, hat das Buch „Das Kirchenhasser-Brevier“ verfasst (das Laun charmanterweise in „Menschenhasser-Brevier“ umbenennt), und plappert dann auch so los, wie zu befürchten war. So findet er es „traurig“, wenn Menschen „im Jenseits ihre Erlösung suchen“, weil es ja auch im Diesseits so viel zu finden gäbe. Er findet Benedikts Bitte um Vergebung für Missbrauchsfälle in der Kirche zwar gut, fantasiert dann aber in dessen Rede gebroche Hirtenstäbe hinein, die am Hintern der Schäfchen rumspielten.
Schade, denn Schauen hätte als Atheist die Chance gehabt, vernünftige Kritik an der Kirche zu äußern. So ist man beinahe erleichtert, dass der Weihbischof ihn unterbricht und die Dinge klarzustellen sucht.
Desiree Nick rettet erneut die Situation und übernimmt Schauens Aufgabe: Kritik an der Kirche werde deshalb laut, weil sich die Kirche als hochmoralische Institution ohne Fehler darstelle, dieses Versprechen aber nicht immer einlösen könne. Da nickt sogar Laun kurz.

Dann die abschließenden Statements: Katharina Saalfrank, die gläubig ist, die Kirche aber kritisch sieht und bei Launs Worten „irgendwann ausgestiegen [ist], weil phhhhhhhhhhhhh“, erkennt Gott in den strahlenden Kinderaugen, die ihr in ihrem Beruf begegnen. Nick findet Glauben toll, trennt ihn aber strikt von der Kirche oder anderen Einrichtungen. Andreas Laun hebt zu seinen Schlussworten an, da verkündet Markus Lanz das Ende der Sendung. Laun ist traurig und wütend, wollte er doch „so eine schöne Abschlussanekdote erzählen“. Die dürfe er nächstes Mal verbreiten, meint Lanz.
Für heute sei die Sendung vorbei.

Die Sendung ist übrigens in der ZDF-Mediathek einsehbar, wenn oben in der Suchleiste „Lanz“ eingetippt wird:
>>>>ZDF-Mediathek


6 Antworten auf „Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun“


  1. 1 Ulli Schauen 27. August 2010 um 12:49 Uhr

    Nun ja, hinein phantasiert habe ich den Stock des Hirten nicht in die Papstpredigt. Das kann jeder nachlesen und beurteilen auf der Website des Vatikan, wo sie komplett online steht.
    Siehe:
    http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2010/documents/hf_ben-xvi_hom_20100611_concl-anno-sac_ge.html

    Herzlichen Gruß,
    Ulli Schauen

  2. 2 Ulli Schauen 27. August 2010 um 13:06 Uhr

    Nun ja, herbei phantasiert habe ich den Stock in der Papstpredigt nicht. Das kann jeder auf der Vatikan-Website nachlesen:

    http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2010/documents/hf_ben-xvi_hom_20100611_concl-anno-sac_ge.html
    Freundliche Grüße
    Ulli Schauen

  3. 3 Administrator 27. August 2010 um 13:34 Uhr

    Sehr geehrter Herr Schauen,
    dass Benedikt etwas von Stäben und Hirten gesagt haben mag, war mir schon klar. Aber ich verstehe auch nach Lektüre seiner Zeilen nicht, was sie damit in der Show sagen wollten.
    Sollte es reine Polemik sein, weil sie zugegebenermaßen quasi keine Redeanteile hatten und die wenigen Momente nutzen wollten (wobei der Schnitt möglicherweise einiges löschte)?
    Ich kann sie schon verstehen, wenn die geballte Ladung Desinteresse von Lanz und Laun sie gereizt haben mag, aber (zumindest) mit dem (im TV gezeigten) Auftritt haben sie Atheisten/Humanisten und auch Kirchenkritikern allgemein keinen Gefallen getan. Das ist mein subjektiver Eindruck, der sicher nicht zutreffen muss.

  4. 4 Ulli Schauen 27. August 2010 um 13:55 Uhr

    Polemik sollte es nicht sein.

    Benedikt „mag“ nicht nur „etwas“ von Stäben und Hirten gesagt, sondern er hat mit diesem Bild die besondere Rolle seiner „Hirten“ betont die als Vertreter Gottes (im übertragenen Sinne) mit Hilfe ihres Stockes ihre Herde auf dem richtigen Weg halten soll.

    Ich habe den Zuschauern zu vermitteln versucht, dass eine solche Rolle problematisch ist und Missbrauch begünstigt, weil sie die Kinder von solchen Hirten auf doppelte Weise abhängig macht – als Pädagogen und als Vertreter des (nach Andreas Launs Meinung ja auch strafenden) Gottes.

    Im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen ist schon pikant, dass der Psalm 23 in den Worten der Lutherbibel den Hirten folgendermaßen anspricht: „Dein Stecken und Stab trösten mich“. Pikant wird es aber nur dadurch, dass die katholische Kirche das Bild des Hirten von Gott auf den Klerus überträgt.

    Schade wäre, wenn mein Argument ganz allgemein – nicht nur bei Ihnen – nicht rüber gekommen ist. Aber auch das kann jedermann und -frau selbst beurteilen. Die Sendung steht online bei http://mediathek.zdf.de – im Suchfensterchen rechts oben „Lanz“ eintippen…

  1. 1 Schauen* wir mal « Episodenfisch Pingback am 13. September 2010 um 12:27 Uhr
  2. 2 Gegendarstellung, leider auf kath.net, nicht hier « Episodenfisch Pingback am 01. Oktober 2010 um 23:29 Uhr

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