Archiv für Juli 2010

Eva continues

Kath.net ist heute die Position der dt. Baptisten, angeführt von Pastor Friedrich Schneider, zu dem Unglück auf der Loveparade eine Meldung wert. Wieso auch immer, denn es sind ja Baptisten und keine Katholiken. Und man kann von den Baptisten nun – teilweise sehr zu recht – nicht allzu viel halten (etwa wegen der wörtlichen Auslegung der Bibel und der ab und an doch ausgesprochen intoleranten Haltung allem Anderen gegenüber), doch Schneiders Ausführungen machen durchaus Sinn:

Die Katastrophe bei der Duisburger Love-Parade mit 21 Toten und rund 500 Verletzten ist nach Ansicht der größten deutschen Freikirche keine Strafe Gottes. Wer Parallelen zum alttestamentlichen Bericht über den Untergang von Sodom und Gomorrha ziehe, habe „nichts begriffen von der Liebe Gottes in Jesus Christus“
[…]
Dolche Bemerkungen seien „menschenverachtend“ und den Angehörigen der Opfer gegenüber „äußerst zynisch“. Aufgabe von Christen sei es, für die betroffenen Familien und Freunde zu beten und ihnen beizustehen. Dankbar äußerte sich Schneider für den Einsatz der Notfallseelsorger, unter denen auch der Baptistenpastor André Carouge (Kamp-Lintfort) war.
Ohne sie namentlich zu nennen, kritisiert Schneider die Publizistin und Fernsehmoderatorin Eva Herman (Hamburg). Sie hatte in einem Internetkommentar das Treiben bei der Love-Parade mit Sodom und Gomorrha verglichen. Der Bibel zufolge hatte Gott die beiden Städte wegen des sündigen Lebens ihrer Bewohner untergehen lassen. Herman hatte zunächst die Vermutung geäußert, dass hinter der Katastrophe bei der Love-Parade „andere Mächte“ stehen könnten.

Nun sind gleich mehrere Ungereimtheiten anzumerken:
Einerseits bleibt eben offen, wieso man überhaupt die Baptisten zitiert, sind sie doch durch und durch nicht katholisch und zudem mit ca. 800.000 Mitgliedern in Europa keine ernstzunehmende Gefahr, die es zu bekämpfen gilt.
Andererseits trifft es „Bekämpfen“ durchaus, soll der Artikel doch vermutlich besonders hervorheben, dass sich die Bibeltreuen Christen tatsächlich erdreisten, nicht der kath.net-Vorbeterin Eva Herman zu folgen.
Zum Dritten liegt der/die Schreiber_in des Artikels schlicht falsch, wenn behauptet wird:

Diese Aussage [Herman hatte zunächst die Vermutung geäußert, dass hinter der Katastrophe bei der Love-Parade „andere Mächte“ stehen könnten] nahm sie später zurück

Sie konkretisiert lediglich noch einmal ihre Kritik und heuchelt ein bisschen Verständnis für „emotionale“ Reaktionen auf ihre Zeilen.
Zuletzt: Dadurch, dass diese Stellungnahme erst am heutigen 31.07. veröffentlicht wurde, sie aber eigentlich vom 28.07. stammt, entsteht der Eindruck, die Baptisten wollten sich lediglich nach einer Woche Überlegung auf Kosten der Opfer in der Öffentlichkeit profilieren, wie auch in der Kommentarspalte offenbar wird. „Freiburgbärin“ merkt dazu an:

Es ist erschreckend,
wie immer wieder versucht wird, Kapital für die eigenen Belange herauszuschlagen. Frau Herrman hat sich längst für ihre dumme Aussage entschuldigt, trotzdem möchte sich jeder und jede selbst ins rechte Licht setzen und noch einmal darauf hinweisen: Frau Herrman hat unrecht, Gott macht so etwas nicht.

Überhaupt: Die Kommentare. Nachdem die letzten Tage offenbar keine rechten Emotionen wecken konnten, wird unter diesem Artikel wieder munter über die Opfer des Unglücks und natürlich auch über alles Andere hergezogen.
„centurio“ etwa lässt sich von Vernunft offenbar nicht beeindrucken und so geht die Fahrt munter mittenmang durch homophobe Gewässer:

Tunten und Titten
Wenn das nicht die Anbetung der Sexualität als Götzen ist, was dann??
Warum wundern wir uns, wenn der Schwarze seinen Tribut einfordert?

„Karolina“ findet hingegen, dass alle schuldig waren und behauptet

Nicht zu leugnen ist, daß durch Alkohol, Drogen und Lärm benebelte Menschen in ihrem Drang nach Amüsement dorthin drängelten, die Anweisungen der Ordner und Polizei überhörten…
So hat Versagen von allen Seiten dazu beigetragen, auch die Spaßgier der Opfer.

Dass Massenpaniken nicht unbedingt etwas mit Alkohol und Drogen zu tun haben müssen, sieht man zwar alljährlich in Mekka, dafür sind das eben Muslime und werden, „Karolina[s]“ Meinung zufolge, vermutlich eben wegen ihrer Religionszugehörigkeit platt gedrückt.
„elisabetta“ schlägt sich auf Seiten Eva Hermans:

Warum wohl wurde uns der Untergang von Sodom und Gomorra überliefert? Nur so zum Spaß?

Und „Chrysanthus“ ist sich sicher:

Gott
belohnt das Gute und bestraft das Böse.

Der Rest trieft ebenso vor wüsten Strafungsphantasien, die Loveparade verkommt zum personifizierten Bösen. Zuletzt kommt hier „Ester“ zu Wort, die irritiert wirkt:

Komischerweise sehen
das die Baptisten, die ich so kenne aber ganz anders.
Es scheint so zu sein, dass auch hier die offiziellen Statements und die Meinung der Basis auseinanderdriften.

Ja, seltsam. Die Basis der Baptisten findet Raver doof, die Basis der CDU mag Schwule und Juden nicht besonders und die Basis der katholischen Kirche dürfte sich bei der Lektüre von kath.net angewiedert abwenden.

Gegendarstellung II

Leider muss ich hiermit bekanntgeben, dass Michael Hesemann nicht länger als Vatikan-Korrespondent zur Verfügung steht. In einem langen, konstruktiven Gespräch teilte er mir mit,

dass Sie zu Unrecht mit meinem Namen werben und hier wahrheitswidrig behaupten, ich sei Ihr Vatikankorrespondent.
Um dies ein für alle Mal festzustellen:
Das bin ich nicht, war ich nicht und werde ich auch nie werden!

Er hat recht. Ich wünsche Herrn Hesemann auf seinem weiteren beruflichen Werdegang alles Gute.

+++++++Breaking News+++++++

Nachdem kath.net am gestrigen Nachmittag mit der Sensationsmeldung aufwarten konnte, dass der Papst sich einen Film über sich selbst anschauen würde, kommt heute endlich die langerwartete Reaktion des weithin bekannten Filmkritikers Benedikt XVI: „sehr bewegend“!
Unser Vatikan-Korrespondent Michael Hesemann wollte dazu leider bisher noch keinen Kommentar abgeben, wird aber vermutlich nicht lange auf sich warten lassen.

Eine Welt aus Papier

Als Nebenschauplatz, fernab vom Krieg gegen Homosexuelle, Muslime, Linke oder die pauschalisierte Jugend bietet sich für das Fachmagazin der christlichen Werte, kath.net, der Kampf für die Ehe. Nicht nur, dass diese hierzulande durch die „Homo-Ehe“ nach rechter Meinung an Bedeutung verlieren würde, nein: Scheidungen machen alles noch viel schlimmer.
Denn nicht nur das gute alte Familienbild bröckelt, nun wird auch noch mit den Kosten für den Staat argumentiert:

Das traditionelle Familienbild «Vater, Mutter und Kinder» bröckelt. In jeder fünften Familie erzieht heutzutage ein Elternteil, meist die Mutter, allein die Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt das Statistische Bundesamt in seiner Mikrozensus-Studie 2009 zum Thema «Alleinerziehende in Deutschland». […]
«Insgesamt sind in Deutschland rund 31 Prozent aller alleinerziehenden Mütter bei der Finanzierung ihres Lebensunterhaltes auf Hartz IV angewiesen», erklärte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler.

Moment, Roderich Egeler? Der Roderich Egeler, der verfassungswidrig die einzig seriöse Partei dieses Landes, Die PARTEI, von der Bundestagswahl 2009 ausschloss? Ok, der muss sich also auskennen.
Doch nehmen wir mal an, dass alle Zahlen des Artikels stimmen, und die tatsächlich so bezeichnete „Normfamilie“ wäre wirtschaftlich potenter; so ist das kein Argument für ein Scheidungsverbot oder eine Rückbesinnung auf rein christliche Ehevorstellungen. Immer noch blenden Scheidungsgegner etwa aus, dass eine Ehe keinesfalls Glück und Freude garantiert, zumal die heutigen Lebensverhältnisse sich vollkommen von denen aus biblischer Zeit unterscheiden, allein im Vergleich zu 1840 hat sich in Deutschland die Lebenserwartung quasi verdoppelt.
Dass die meisten Leser bei kath.net mit Vernunft allein allerdings schon lange nicht mehr zu erreichen sind, demonstriert „Karolina“, die eher subjektiv anmerkt:

Mütter erziehen ihre Söhne zu einem verantwortungslosen Peter Pan. Die Medien machen mit. Sex sei das Höchste im Leben und wird als Liebe ausgegeben = Mogelpackung.

Ein bisschen Liebe

Besonders in evangelikalen Kreisen ist es üblich, Homosexualität als Krankheit darzustellen und „Heilung“ durch den christlichen Gott zu propagieren, auch mein Lieblingsbischof Andreas Laun allerdings ist Unterzeichner der Marburger Erklärung, die den Willen zum Umpolen auf Papier bringt. Heute also folgt eine weitere Verbrüderung zwischen Evangelikalen und Katholiken, da kath.net die Geschichte von
Janet Boynes, die nach eigenem Bekunden lesbisch war und durch „Jesus Christus“ gerettet wurde, wiedergibt. Das ganze bewegt sich im üblichen Dunstkreis: Ein homosexuelles Leben wird als „erbärmlich“ bezeichnet, natürlich gehören Drogen und Gewalt dazu und selbstverständlich schließen sich Homosexualität und Glauben aus. Diese Art von Geschichten gehören, zumal nicht nachprüfbar, ob sie überhaupt wahr sind, zum Propagandamaterial von fundamentalistischen Christen in den USA, Boynes‘ Gruppen bei Facebook geben die Marschrichtung vor, so ist sie Fan des rechten Predigers Billy Graham, des noch rechteren Radiomoderators Glenn Beck und der dümmsten Frau der Welt: Sarah Palin.
Der Text, den kath.net vorlegt, ist, neben dem offensichtlichen inhaltlichen Mist, zudem nicht so ganz kompatibel zu der Lebensgeschichte auf Boynes‘ Homepage
Bei kath.net heißt es etwa (und auch wenn es um ein schlimmes Thema geht: Ein bisschen Kritik an der Recherche sei mir erlaubt):

Mit 12 wurde sie von einem Verwandten sexuell missbraucht

Sie selbst schreibt:

When I was thirteen, the father of one of my sisters sexually abused me.

Am Ende des Artikels, der diverse rechte Leser sicherlich zu Tränen rühren wird, steht:

Elf Jahre später führt Janet Boynes eine christliche Einrichtung, die allen helfen will, denen es so ergeht, wie ihr früher: “Wenn Sie mit Homosexualität kämpfen, bin ich der lebende Beweis, dass es Hoffnung durch Jesus Christus gibt.“ „Meine Geschichte ist der Beweis dafür, dass es egal ist, wie weit man gegangen ist oder was man getan hat, Gott ruft noch immer, und er ruft in Liebe.“

Eine seltsame Liebe ist das, wenn sie immer mit dem offensichtlichen Hass auf das „Andere“ einhergehen muss.
Außerdem scheint es den Umpolern nicht zu blöd zu werden, Millionen Menschen auf das Schicksal von einzelnen Personen zu reduzieren, da sie mittlerweile offenbar gemerkt haben, dass die Wissenschaft (mal wieder) nicht auf der Seite von christlichen Fanatikern steht.